Naked Lunch (1991). Hundertfüßer Anhänger

Naked Lunch (1991). Hundertfüßer Anhänger

Ich oute mich als abso­lu­ter David Cro­nen­berg Fan! Fil­me, die er in den 80er, 90er Jah­ren kre­ierte wie “die Flie­ge”, Exis­tenz oder Video­dro­me zäh­len zu mei­nen Lieb­lin­gen. Heu­te wird es um die Rol­le eines Schmuck­stücks in Naked Lunch gehen, der sil­ber­ne Hun­dert­fü­ßer Anhänger.

Du erin­nerst dich nicht mehr dar­an, und die Ket­te ist dir nie aufgefallen? 

Kein Pro­blem, mir ging es übri­gens genau so, obwohl sie so wich­tig für das Ver­ständ­nis des Films ist. Wes­halb wirst du hier erfahren.

Naked Lunch basiert auf der lite­ra­risch-auto­bio­gra­fi­schen Vor­la­ge von Wil­liam S. Burrough. 

Der von „Wan­zen­pul­ver“ abhän­gi­ge Kam­mer­jä­ger und Schrift­stel­ler Bill Lee  (Peter Wel­ler), erschießt aus Ver­se­hen sei­ne Ehe­frau. Dar­auf­hin flüch­tet er nach Inter­zo­ne, ein Ort an dem Rea­li­tät und Fik­ti­on ver­schwim­men. Schreib­ma­schi­nen wer­den zu Agen­ten­kä­fern, ali­en­haf­te Krea­tu­ren und gigan­ti­sche Hun­dert­füß­ler, son­dern hal­lu­zi­no­ge­ne Sub­stan­zen ab. Er selbst ist ein Agent, der die Geheim­nis­se von Inter­zo­ne gezwun­ge­ner­ma­ßen ergrün­den muss.

Der Gewissenskonflikt. Das schwarze Fleisch

Der lite­ra­ri­sche Stoff steht stell­ver­tre­tend für Bur­roughs Lebens­ge­schich­te. Wenn in Naked Lunch, der Kam­mer­jä­ger Wil­liam Lee (Peter Wel­ler) sei­ne Ehe­frau erschießt, ist es der Schrift­stel­ler Wil­liam S. Bur­rough, der die­se rea­le Tra­gö­die in sei­nem Leben immer wie­der vor sei­nen Augen sieht. Cro­nen­berg schaff­te es, die Schuld­ge­füh­le und Selbst­zwei­fel des Autors in ein fil­mi­sches Gefäß zu gießen.

Der Mit­be­grün­der der Beat­nik­li­te­ra­tur, Wil­liam S. Bur­rough war zwei­mal in sei­nem Leben ver­hei­ra­tet. Das ers­te Mal ver­half er einer guten Freun­din, nach Ame­ri­ka zu emi­grie­ren. Die zwei­te Ehe basier­te erneut auf einer freund­schaft­li­chen Bezie­hung. Sei­ne Frau Joan und er waren dro­gen­ab­hän­gig und ein gemein­sa­mer Sohn ging aus die­ser Ver­bin­dung her­vor. Prü­de­rie konn­te man Bur­rough, Joan, Gins­berg und Kerouc nicht vor­wer­fen, aber mit einem kam Bur­rough über­haupt nicht klar. Er war homosexuell.

In Naked lunch zeigt uns Cro­nen­berg die dunk­len, die gehei­men Sei­ten von Bur­rough, das was er sich selbst vie­le Jah­re lang nicht ein­ge­ste­hen woll­te. Die ers­ten gleich­ge­schlecht­li­chen Erfah­run­gen mach­te er als Jugend­li­cher im Inter­nat, zur sel­ben Zeit, fing er auch an Dro­gen zu kon­su­mie­ren. Wäh­rend er sei­ne Hin­wen­dung zu Män­nern bit­ter­lich bekämpf­te, ergab er sich Dro­gen­ex­zes­sen, die zu einer lebens­lan­gen Abhän­gig­keit führ­ten, und indi­rekt, zum Tod sei­ner Ehefrau.

Soweit ich mich erin­nern kann,  war Cro­nen­berg, als er den Film dreh­te, mit Bur­rough in engen Kon­takt. In der Ver­fil­mung gibt Bur­rough nicht den Dro­gen die Schuld, dass er Joan, als er Will­helm Tell spiel­te, traf und erschoss, son­dern sei­nem Unter­be­wusst­sein, das ihn lenk­te, damit er end­lich sexu­ell frei sein konnte.

In der Ver­fil­mung von Cro­nen­berg, ste­hen drei Dro­gen stell­ver­tre­tend für den ” inne­ren Weg” sei­ne sexu­el­le Ori­en­tie­rung anzunehmen.

    1. das gel­be Wanzenpulver
    2. das schwar­ze Hundertfüßerpulver
    3. das wei­ße Mugwump-Sperma

1. Das Wanzenpulver

Es ist eine gelb­li­che Sub­stanz und dient zur Insek­ten­ver­nich­tung. Sei­ne Frau spritzt es sich als Hal­lu­zi­no­gen. Es ver­leiht einen kaf­ka­es­ken, lite­ra­ri­schen Rausch, wie Joan ihm ver­si­chert und auch er wird abhän­gig von der Sub­stanz. Unter dem Ein­fluss des Wan­zen­pul­vers ist er auch dem weib­li­chen Geschlecht, sei­ner Ehe­frau, nicht abge­neigt. Das Wan­zen­pul­ver steht für her­kömm­li­che Dro­gen und einen Rausch, den er sich hin­gibt, aber noch nicht zur sexu­el­len und geis­ti­gen Befrei­ung führt.

Der Käfer mit spre­chen­dem Anus auf dem Rücken ver­lei­tet ihn, schlecht über sei­ne Frau zu den­ken. Sie wäre gar nicht sei­ne Frau, son­dern eine Spio­nin, sagt ihm der Käfer. Als Vor­ge­setz­ter ver­langt er von Lee, dass er sei­ne Gat­tin ermor­den soll. Der Käfer ist der ers­te Hin­weis auf Lees Homo­se­xua­li­tät. Er ver­sucht unter­be­wusst einen Aus­weg zu fin­den und sein emo­tio­na­les Lei­den, die Zwick­müh­le in der er sich befin­det, zu beenden.

Der spre­chen­de Anu­s­kä­fer im gel­ben Wan­zen­pul­ver. Er erteilt Lee den Auf­trag sei­ne Frau umzubringen.

2. Hundertfüßerpulver. Das schwarze Fleisch

Um an Wan­zen­pul­ver zu gelan­gen besucht er einen Arzt unter den Vor­wand, einen lang­sa­men Ent­zug machen zu wol­len. Der Arzt stellt ihn dar­auf­hin eine wei­te­re Sub­stanz vor, es ist ein schwar­zes Hun­dert­fü­ßer­pul­ver, das unter das gel­be Wan­zen­pul­ver gemischt wird, um kein Ver­lan­gen mehr danach zu ver­spü­ren. Wie sich bald zei­gen wird, steht der Hun­dert­fü­ßer sym­bo­lisch für Homo­se­xua­li­tät und das schwar­ze Pul­ver für den Rausch, den ihn das sexu­el­le Zusam­men­sein mit Män­nern ver­schafft. Das Pul­ver riecht übri­gens nach “ver­dor­be­nen Käse” wie es Lee aus­drückt und weist auf Smeg­ma hin.

Der Arzt über­gibt Lee schwar­zes Hun­dert­fü­ßer­pul­ver um ihm vom gel­ben Wan­zen­pul­ver zu entwöhnen.

3. Mugwump Sperma

Eine noch här­te­re Dro­ge als die Homo­se­xua­li­tät, ist die Kom­bi­na­ti­on eines lite­ra­ri­schen Flows, Dro­gen und frei­er sexu­el­ler Trie­be. Die Schreib­ma­schi­ne auf denen er sei­ne bes­ten Stü­cke schreibt und alle Hem­mun­gen abschüt­telt, voll­bringt er auf der Mug­wump. Die­se son­dert, die Dro­ge gleich mit ab, von der er flei­ßig bechert. Aus dem Kopf tau­chen penis­ähn­li­che Füh­ler auf, die ein mil­chi­ges Sekret, Mug­wump Sper­ma in gro­ßen Men­gen auswirft.

Lee zapft gera­de Mug­wamp Sper­ma ab.

Wie komme ich darauf, dass der Hundertfüßer Homosexualität symbolisiert?

Als Lee, der Kam­mer­jä­ger sei­ne Frau erschos­sen hat, geht er in eine Schwu­len­bar. Dort trifft er auf Kiki (Joseph Scoren), einen Stri­cher­jun­gen, der ihn fragt, ob er schwul ist. Kiki trägt einen beson­de­ren Anhän­ger um den Hals einen sil­ber­nen Hun­dert­fü­ßer, über den er sanft mit den Fin­gern dar­über streicht. Auch die For­men­spra­che von Käfer mit Anus und Hun­dert­fü­ßer las­sen abs­trakt auf die männ­li­chen und weib­li­chen Geni­ta­li­en schließen.

Kiki strei­chelt sanft über den Anhän­ger um sei­nen Hals. Der Anhän­ger wird zu einem Zei­chen für Homosexualität.

Es ist nicht das ers­te Mal, das uns der Hun­dert­fü­ßer begeg­net, denn zuvor besuch­te Lee den Arzt, der ihm das schwar­ze Pul­ver unter das Wan­zen­pul­ver mixt. Lee geht danach auf einen Basar und sieht dort getrock­ne­te Hun­dert­fü­ßer, dar­auf­hin, beginnt er fast zu weinen.

die Dro­ge in Rein­form, ein Hun­dert­fü­ßer den Lee auf dem Markt erwirbt.

Cut: Er kommt nach Hau­se und sieht, wie sei­ne Frau gera­de mit Kerouc schläft, wäh­rend Gins­berg Ver­se rezi­tiert. Mit einer Packung getrock­ne­ter Hun­dert­fü­ßer schließt er sich in sein Zim­mer ein. Wenig spä­ter voll­führt er die Wil­helm Tell Num­mer, bei der Joan stirbt.

William Lee alias William S. Burrough

Das Schmuck­stück mit einem abge­bil­de­ten Hun­dert­fü­ßer, wird zu einem Sym­bol der Homo­se­xu­el­len, ein Erken­nungs­zei­chen. Die Ver­ach­tung für sich selbst, zu den Homo­se­xu­el­len zu gehö­ren, bringt Lee ali­as Bur­rough im Film zahl­reich zum Aus­druck. Einer­seits, indem er eine heu­te ver­al­te­te und wider­leg­te Vor­stel­lung ver­trat, dass  “Man(n) schwul gemacht” wer­den kann. In einer ande­ren Sze­ne wird er von Yves Clo­quet (Juli­an Sands) zu einem Früh­stück ein­ge­la­den und spricht davon, dass auch er zu den “Per­ver­sen” gehört und die­se Bür­de tra­gen muss.

Homo­se­xua­li­tät stand in Ame­ri­ka wie in den meis­ten Län­dern unter Stra­fe. Erst seit 2003 dro­hen Homo­se­xu­el­len in den USA, in allen Bun­des­staa­ten, kein Schuld­spruch mehr. Ein offe­nes Bekennt­nis zur Homo­se­xua­li­tät bedroh­te die Exis­tenz.  Eine Geld‑, oder Gefäng­nis­stra­fe, und die damit ein­her­ge­hen­de sozia­le Äch­tung waren vor­pro­gram­miert. Dazu kamen noch die gesell­schaft­li­chen Dos und Don’ts , die zu inne­ren Kon­flik­ten mit sich selbst führ­ten. Unter Künst­lern wur­de meist ein offe­ne­rer Umgang gepflegt, aber erst sicher konn­te man gehen, wenn man das Land verließ.

So hand­hab­te es auch der Schrift­stel­ler Wil­liam S. Bur­rough. Nach dem Tod sei­ner Frau erhielt Bur­rough von sei­nen Eltern eine monat­li­che Zah­lung. Sei­ner Fami­lie gehör­te damals die Bur­rough Cor­po­ra­ti­on, die zuerst Addier­ma­schi­nen, Schreib­ma­schi­nen, und schließ­lich Com­pu­ter her­stell­te. Er selbst setz­te sich in Tan­ger (Marok­ko) für eini­ge Zeit ab, wo es nur so von Stri­cher­jun­gen und ande­ren Exi­lan­ten wim­mel­te. Auch hier siehst du star­ke Par­al­le­len zu sei­ner Lebens­ge­schich­te. Der Kam­mer­jä­ger Wil­liam Lee reist nach Inter­zo­ne und kommt dort mit der Stri­cher­sze­ne in Berüh­rung. Auch die Tech­nik Affi­ni­tät lässt sich mit dem bio­gra­fi­schen Hin­ter­grund leicht erklä­ren. Die Schreib­ma­schi­nen sind Lebe­we­sen, die wie ein Sport­wa­gen mit Son­der­aus­stat­tung beschrie­ben werden.

Kikis Tod:

Der Pro­sti­tu­ier­te Kiki trägt den Anhän­ger vol­ler Stolz.  Kiki ist die Dro­ge, das schwar­ze Fleisch für die Män­ner aus dem Wes­ten.  Der Stri­cher­jun­ge ist zugleich der Papa­gei, der Vogel im Käfig an den sich Yves Clo­quet ver­geht.  Der wohl­ha­ben­de Clo­quet hat es eigent­lich auf Lee abge­se­hen, aber als sexu­el­len Ersatz, als Leih­ga­be, muss Kiki erhalten.

Clo­quet und der Stri­cher­jun­ge Kiki. Er nimmt ihn als Leih­ga­be in sein Zim­mer mit.
Clo­quet trans­for­miert sich in einen Hun­dert­fü­ßer und ermor­det Kiki den Stricherjungen.

Als Lee in das Papa­gei­en­zim­mer geht, sieht er, wie Kiki vom trans­for­mier­ten Clo­quet miss­braucht und ermor­det wird. Clo­quet wur­de zu einem flei­schi­gen über­di­men­sio­na­len Hun­dert­fü­ßer, der in das Gehirn und den Anus sei­ner Opfer dringt.

Sym­bo­lisch insze­nier­ter Tod von Kiki mit Hil­fe des Hundertfüßeranhängers

Der Tod von Kiki wird klas­sisch insze­niert. Das Schmuck­stück wird mit Bluts­trop­fen, Feder und abge­nag­ten Mais­kol­ben in Sze­ne gesetzt. Das Leben von Kiki, mit einem Shot, in einem Still­le­ben kom­pri­miert. Cro­nen­berg fing das stum­me Lei­den von Vie­len in einer Ein­stel­lung ein und brach­te es visu­ell auf den Punkt.

Und wei­ter geht die Rei­he Schmuck im Film. Auch Roman Polan­ski insze­nier­te in Rose­ma­rys Baby einen Anhän­ger auf fan­tas­ti­sche Art und Wei­se. Kannst du dich an das Schmuck­stück mit Tan­nis­kraut erinnern? 

 

David Cro­nen­berg. Naked Lunch (1991 UK, Kanada)

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