Interview Bernstein

Interview Bernstein

Ich tref­fe Kry­sty­na in einem Alt­wie­ner Cafe in der Nähe des Ste­phans­doms. Bis 2018 führ­te sie ein Bern­stein­fach­ge­schäft in der Klee­blatt­gas­se im 1. Bezirk. Inzwi­schen führt sie den Online­shop das Bern­stein ‑Zim­mer.

Kell­ner adrett geklei­det, wie man es sich in Wie­ner Kaf­fee­häu­sern vor­stellt, klei­ne Sitz­ecken mit rotem Plüsch und Decken­leuch­ten die zwar unter­schied­lich, aber per­fekt in die Sze­ne­rie pas­sen, ver­voll­stän­di­gen die Atmo­sphä­re. Man sieht Kry­sty­na die Lebens­freu­de an und sie hat vie­les zu berich­ten, über die Welt des Bern­steins und die Men­schen, die ihn zu schät­zen wissen.

Kry­sty­na finan­zier­te sich ihr Stu­di­um in Kra­kau in der Bern­stein­in­dus­trie, aber ihre Ent­schei­dung, in Wien ein Bernstein­ge­schäft zu eröff­nen, kam erst vie­le Jah­re spä­ter. Wie so oft, wenn man bereits genug Lebens­er­fah­rung gesam­melt hat, krem­pel­te sie ihr Leben um, und ori­en­tier­te sich beruf­lich neu.  Auf die Idee ein Geschäft in Wien zu eröff­nen brach­te sie damals ihr Ehe­mann. Ein neu­es Pro­jekt, eine neue Lebens­auf­ga­be, ein neu­er Wohnort.

Krystyna du bist in Polen aufgewachsen, hast du bereits als Kind Bernstein getragen?

Mei­ne Mut­ter leg­te uns bereits Bern­stein­split­ter­ket­ten um. Wir hat­ten nicht viel Geld,  Bern­stein war ein güns­ti­ges Natur­heil­mit­tel. Als Kind hat­te ich star­ke Gelenk­schmer­zen und mei­ne Mut­ter mach­te dar­auf­hin ein Bern­stei­n­el­e­xier. Ich weiß, dass es mir gehol­fen hat.

Bernsteinkette
Bern­stein­ket­te mit gro­ßen Splittern

Wie wichtig ist Bernstein für die polnische Wirtschaft?

Bern­stein war schon immer ein Sou­ve­nir und Geschenk­ar­ti­kel für Freun­de und Fami­lie in Polen.

Warst du schon einmal Bernstein sammeln?

Natür­lich, ich war damals in Jan­t­ar­nyj (Palm­ni­cken) und habe am Strand Bern­stein gesam­melt.  Der Ort liegt in Ost­preu­ßen an der Ostsee.

Jan­t­ar bedeu­tet auf rus­sisch Bern­stein. Es wird geschätzt, dass 90–94% des welt­wei­ten Bern­stein­vor­kom­mens sich bei Palm­ni­cken konzentriert. 

Ist der gesundheitliche Aspekt den Kunden sehr wichtig, oder geht es mehr um die natürliche Schönheit des Bernsteins?

Ja, vor allem die letz­ten Jah­re hat es immer mehr zuge­nom­men, dass die Leu­te wegen gesund­heit­li­chen Grün­den nach Bern­stein fragen.

Bist du oft auf Bernsteinfälschungen gestoßen?

Aber ja, daher arbei­te ich seit Beginn mit Men­schen zusam­men, denen ich ver­trau­en kann. Die Fäl­schun­gen wur­den immer bes­ser. Eigent­lich konn­te man Bern­stein, der durch­sich­tig ist, immer sehr gut an den Luft­ein­schlüs­sen erken­nen, aber auch hier kann man nicht mehr sicher sein. Inzwi­schen wird ein­fach in Har­ze Luft hin­ein gebla­sen, um natür­li­chen Bern­stein vorzutäuschen.

Gefälschter Bernstein
Eine Bern­stein­fäl­schung. Hier sieht man sehr gut die gegos­se­nen Schichten.

Eines Tages kam ein Kun­de zu mir und ent­deck­te in einem ande­ren Geschäft ein Bern­stein­schmuck­stück, das wie ein Schmuck­stück aus­sah, das ich ver­kauf­te. Natür­lich sprach der Preis eine ande­re Spra­che, dort war es um vie­les güns­ti­ger. Ich woll­te wis­sen, wie das sein kann und habe es über­prüft. Das Schmuck­stück war natür­lich nicht aus natür­li­chem Bern­stein, aber es war gut gefälscht. Ich sprach den Laden­be­sit­zer dar­auf an, aber am Ende sind einem dann doch die Hän­de gebunden.

Eine wei­te­re Mög­lich­keit Bern­stein zu schö­nen ist, indem man ihn lackiert. Es kommt ein­fach bil­li­ger, als ihn zu polie­ren.  Da man sich als Schmuck­händ­ler nie­mals zu 100 Pro­zent sicher sein kann, ob der Bern­stein auf die­se Wei­se behan­delt wur­de, habe ich auch kei­ne Repa­ra­tu­ren angenommen.

Ist Bernstein mit Inklusionen als Schmuck beliebt?

Die Stü­cke mit Inklu­sio­nen sind vor allem für Wis­sen­schaft­ler und Samm­ler inter­es­sant, aber auch Kin­der sind immer sehr fas­zi­niert davon.

Ich hat­te bereits sehr wert­vol­le Stü­cke in mei­nem Besitz. In einem Exem­plar befan­den sich über 80 Insek­ten. Ich ließ ihn prü­fen und zer­ti­fi­zie­ren. Der Pro­fes­sor, mit dem ich zusam­men­ar­bei­te­te, sag­te mir, dass was wirk­lich von gro­ßem Wert ist, sind nicht die Insek­ten dar­in, son­dern das Säu­ge­tier­haar das sich im Bern­stein befand. Nach­dem sich der Stein meh­re­re Jah­re in mei­nem Besitz war, habe ich ihn am Ende für 8000€ in die Schweiz ver­kauft. Sicher­lich völ­lig unter sei­nem eigent­li­chen Wert, aber so schnell fin­det man eben kei­nen Käufer.

Bernstein Mücke Inklusion
Eine sehr gut erhal­te­ne Mücke. Sol­che Ein­schlüs­se wer­den Inklu­sen genannt.

Welche Fragen bekommst du von Kunden immer wieder gestellt?

Vie­le Kun­den sind über­rascht, dass Bern­stein nicht nur braun und honig­gelb sein kann, son­dern es zahl­rei­che farb­li­che Varia­tio­nen gibt. Das reicht von krei­de­weiß, grau, rot, blau, braun, gelb, grün bis hin zu kohl­ra­ben­schwarz. Ins­ge­samt gibt es bis zu 3000 Schattierungen/Farbnuancen.

Natür­lich inter­es­sie­ren sich die Kun­den dar­auf­hin, wie es zu der unter­schied­li­chen Far­be kommt, und möch­ten wis­sen, woher der Bern­stein stammt.

Die ver­schie­de­nen Far­ben erge­ben sich durch die Stär­ke der Oxi­da­ti­on und Ver­mi­schung der Öle mit Luft und Was­ser. Bern­stein wird welt­weit gefun­den. In unse­rer Regi­on ist vor allem der Bern­stein von pol­ni­schen und rus­si­schen Strän­den bekannt. 

 

Unterschied zwischen Echtbernstein und Naturbernstein

Wenn Kun­den zu mir ins Geschäft kamen, wur­de oft nach ech­tem Bern­stein ver­langt, dabei gibt es aber eine Beson­der­heit auf die man acht geben soll­te.  Echt­bern­stein setzt sich zu 99% aus Press­bern­stein zusammen

Press­bern­stein besteht aus Bern­stein­pul­ver und klei­nen Bern­stein­stü­cken, das mit Hit­ze und Druck zu einem Stück ver­schmol­zen wird. Gera­de die angeb­lich hei­len­de Wir­kung soll von der Bern­stein­säu­re aus­ge­hen, die sich in der schwar­zen Ver­wit­te­rungs­krus­te kon­zen­triert. Im Press­bern­stein ist die Bern­stein­säu­re kaum mehr nachzuweisen.

Was mich sehr überraschte, dass es auch andere Produkte aus Bernstein gibt, so habe ich noch nie von einer Bernsteinsalbe gehört.

Das ist eine wun­der­ba­re Geschich­te. Die Sal­be wird in einer klei­nen Fabrik in Kra­kau her­ge­stellt. Der Urgroß­va­ter des Fabri­kan­ten war jüdi­scher Her­kunft und führ­te eine Apo­the­ke in der Stadt. Er ent­wi­ckel­te das beson­de­re Bern­stein­re­zept. Als der Krieg begann, wur­den vie­le Fami­li­en­mit­glie­der ermor­det, aber ein Teil konn­te nach Eng­land flüch­ten. Der Urgroß­va­ter wuss­te, dass das Rezept Gold wert war, daher ver­steck­te er das Rezept­buch und mau­er­te es in eine Zim­mer­wand des Hau­ses ein. In den 80-er Jah­ren kam es teil­wei­se zur Rück­erstat­tung von gestoh­le­nen jüdi­schem Besitz. Dar­un­ter viel auch das Haus der Fami­lie. Die Ver­wandt­schaft aus Eng­land wuss­te von dem Rezept­buch und sie mach­ten sich sofort dar­an es freizulegen.

Mit die­sem Bern­stein­re­zept wur­de die Grund­la­ge für die Fabrik gelegt und seit­dem wird die Sal­be wie­der hergestellt.

Aus was besteht die Salbe?

In der Bern­stein­in­dus­trie fal­len vie­le Schleif­res­te ab, das Bern­stein­pul­ver wird schließ­lich zur Sal­be ver­ar­bei­tet. Die bes­te Heil­wir­kung hat mei­ner Mei­nung aber wirk­lich natur­be­las­se­ner, unge­schlif­fe­ner Bern­stein. Ich bin selbst davon über­zeugt, dass er mich lan­ge sta­bil und gesund gehal­ten hat.

Gibt es noch andere Produkte aus Bernstein? 

Ja natür­lich, das geht von Body­lo­tion, Bade­salz bis hin zu Haarshampoo.

Krystynas  Bernsteinelexier

1.unbehandelten Bern­stein wird zerkleinert

2. Den Bern­stein in Alko­hol oder Lein­öl ein­le­gen und 10 Tage zie­hen lassen

Anwen­dung: Täg­lich einen Löf­fel voll in Tee auf­lö­sen und trinken.

Ob Natur­bern­stein eine hei­len­de Wir­kung besitzt, wur­de bis heu­te nicht bewie­sen. Zwar schwö­ren vie­le Men­schen dar­auf, aber bis jetzt exis­tiert kein wis­sen­schaft­li­cher Beleg. Ich gehe davon aus, dass Bern­stein kei­nen Scha­den anrich­tet. Bern­stein besteht aus Kie­fern­harz und mög­li­cher­wei­se lösen sich win­zi­ge Spu­ren des äthe­ri­schen Öls durch Haut­kon­takt oder Auf­lö­sen in Wasser. 

(unbe­zahl­te Wer­bung, es war mir eine Ehre;)

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