Film: Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Tränen der Jungfrau

Film: Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Tränen der Jungfrau

Wie du bereits in den vor­he­ri­gen Arti­keln gese­hen hast, spielt Schmuck in der Ver­fil­mung das Mäd­chen mit dem Per­len­ohr­ring mehr als nur eine Neben­rol­le. Heu­te kom­men wir zur Essenz des Films.

Bedeutung Perlenohrring in der Verfilmung

Die Per­len sind geschickt in das Bezie­hungs­ge­flecht zwi­schen Ver­meer, sei­ner Gat­tin und der Dienst­magd Griet ein­ge­wo­ben. Die drei Prot­ago­nis­ten sind alle an ein gesell­schaft­li­ches Sys­tem gebun­den, dass das Ver­las­sen kon­ven­tio­nel­ler Nor­men nicht erlaubt.

Erste Szene:

Griet betrach­tet das Por­trät der ade­li­gen Dame am Fens­ter. Behan­gen mit den Per­len­ohr­rin­gen und Hals­ket­te der Ehe­frau von Ver­meer. Es han­delt sich um das Gemäl­de “jun­ge Dame mit Per­len­hals­band” das in die Film­sze­ne inte­griert wur­de. Die jun­ge Dame gehört dem höhe­ren Bür­ger­tum bzw. Adel an, wäh­rend Griet, eine Arbei­te­rin und Ange­stell­te ist. Griet weiß, das ihr das Tra­gen sol­cher Schmuck­stü­cke nicht gestat­tet ist da sie einer nie­de­ren Gesell­schafts­schicht ange­hört. Die Per­len wer­den zum Hin­weis die­ser stren­gen und engen sozia­len Hierarchien.

In der Film­fas­sung wur­den noch wei­te­re Bil­der von Ver­meer sze­nisch nach­ge­stellt. Zum Bei­spiel fin­dest du dar­in auch “Jun­ge Frau mit Was­ser­krug” oder  “Sit­zen­de Vir­gi­nal­spie­le­rin”, die mög­li­cher­wei­se sei­ne Ehe­frau darstellte.

Das Por­trait Mäd­chen mit Per­len­hals­band. Die Per­len kom­men das ers­te Mal im Film vor.

Zweite Szene:

Die Per­len wer­den nach der bild­li­chen Dar­stel­lung, das ers­te Mal bei der Tauf­fei­er prä­sen­tiert.  Sei­ne Gat­tin Boleyn trägt die Ohr­rin­ge als auch eine per­fek­te Per­len­ket­te. Anwe­send ist der Mäzen von Ver­meer und das neu­es­te Meis­ter­werk wird ent­hüllt.  Mit den Per­len trägt Ver­meers Gat­tin ihren gesell­schaft­li­chen Sta­tus und Wohl­stand zur Schau. Wie wich­tig Schmuck für sie ist, um in Kri­sen­zei­ten eine eiser­ne Reser­ve zu haben und nicht in der gesell­schaft­li­chen Hier­ar­chie zu sin­ken habe ich bereits genau­er in Griet und Jan Ver­meer genau­er beschrieben.

Mädchen mit dem Perlenohrring Herrin Kind bekommen Fest trägt Perlenohrringe
Die Gat­tin von Ver­meer trägt vol­ler Stolz ihren Per­len­schmuck. Der Schmuck weist sie als Frau einer höhe­ren Gesell­schafts­schicht aus.

Der Perlenohrring und die Essenz des Films

Der Mäzen erteilt Ver­meer einen neu­en Auf­trag. Er möch­te das Griet Por­trät sitzt, um sein Gemüt zu ergöt­zen. Einer­seits merkt er, dass sich zwi­schen Ver­meer und Griet eine Bezie­hung auf­baut und gera­de dar­aus möch­te er sich einen Scherz erlau­ben, ande­rer­seits begehrt er Griet und wäre ger­ne an Ver­meers Stelle.

Da die Fami­lie auf die Auf­trä­ge von ihm ange­wie­sen ist, kann er nicht abge­lehnt wer­den. Um die Gefüh­le der Gat­tin nicht zu ver­letz­ten, wird ihr von Ver­meer und sei­ner Schwie­ger­mut­ter ver­heim­licht, dass Griet ihren Schmuck für das Por­trät tra­gen wird.

Dritte Szene:

Da Griet kei­ne Ohr­lö­cher besitzt, muss er ihr das Ohr­loch mit einer erhitz­ten Nadel ste­chen. Und genau die­ser Moment fängt die Essenz des Films ein.

Griet rinnt eine Trä­ne her­ab, wäh­rend Ver­meer ihr den Per­len­ohr­ring, auf ihren Wunsch, in die fri­sche Wun­de ein­hängt. In die­sen Augen­blick wird Griet zur Per­le und die Per­le zu Griet. Es ist auch eine sym­bo­li­sche Ent­jung­fe­rung, die statt­fin­det, und Griet lässt Taten fol­gen, indem sie sich kurz dar­auf dem Flei­scher­jun­gen hin­gibt. Wei­ters zeigt sich aber auch die Aus­weg­lo­sig­keit einer uner­füll­ba­ren Lie­be der bei­den. Es ist eine Lie­be, die nur auf der sym­bo­li­schen Ebe­ne exis­tie­ren darf. Allei­ne die geis­ti­ge Hin­wen­dung war eine gefähr­li­che Grenz­über­schrei­tung, die bei­den, Kopf und Kra­gen kos­ten könn­te. Griet wird in die­sem Moment auch zu einer Opfer­ga­be. Er opfert Griet für sei­ne ein­zig wah­re Lie­be, die Malerei.

Das Durch­ste­chen des Ohr­lochs, steht für eine sym­bo­li­sche Deflo­ra­ti­on. Die her­ab­rin­nen­de Trä­ne und ein­hän­gen des Ohr­rings stel­len den emo­tio­na­len Höhe­punkt der Hand­lung dar.

Schmuck und Tränen

Die Kom­bi­na­ti­on Schmuck und Trä­nen, und damit die eigent­li­che Kern­aus­sa­ge des Films nicht wört­lich, son­dern bild­lich ein­zu­fan­gen, fin­det sich nicht nur in der Ver­fil­mung “ein Mäd­chen mit dem Per­len­ohr­ring.” Ich konn­te eine sehr ähn­li­che Kon­stel­la­ti­on bereits in “Inter­view mit einem Vam­pir” ent­de­cken. Das zeigt auf, dass es sich um eine Metho­de han­delt, Fil­me mit Hil­fe von Schmuck auf eine emo­tio­na­le Ebe­ne zu heben. Und Infor­ma­tio­nen dir dem Zuse­her zu lie­fern, die sich mit Wor­ten nicht beschrei­ben lassen.

Zum Ver­gleich: Inter­view mit einem Vam­pir und Mäd­chen mit dem Perlenohrring

Die Tränen der Jungfrau

Wes­halb behaup­tet die Ehe­frau von Ver­meer, das Bild wäre schamlos?

Die größ­te Lie­be von Ver­meer, ist die Male­rei, am Ende opfert er Griet aber auch sei­ne Ehe­frau dafür. Griet möch­te die Per­len­ohr­rin­ge nicht tra­gen, denn sie weiß, dass hier eine Gren­ze über­schrit­ten wird und ihre Arbeits­stel­le in Gefahr ist. Ver­meer geht auf ihre Beden­ken nicht ein, ihn geht es ledig­lich um die per­fek­te Komposition.

Die Per­le steht für Jung­fräu­lich­keit. Griet wird nicht nur sym­bo­lisch von Ver­meer ent­jung­fert. Die Per­le steht im Chris­ten­tum syn­onym für die Jung­frau Maria und ihre Rein­heit. Zusätz­lich spielt auch die Farb­sym­bo­lik eine Rol­le, denn Ultra­ma­rin­blau war der Jung­frau Maria zuge­ord­net. Indem sich Ver­meer die­ser kul­tu­rel­len Codes bedient, wird eine ein­fa­che Dienst­magd zur Jung­frau Maria. Im glei­chen Zug wird die Unbe­fleck­te Emp­fäng­nis von ihm kari­kiert. Ver­meer war eigent­lich Pro­tes­tant. Als er in die Fami­lie sei­ner Frau hei­ra­te­te, die Katho­li­kin war, ließ er sich umtau­fen. Die Dar­stel­lung auf dem Bild bedeu­tet für die Gat­tin von Ver­meer (im Film) also nichts ande­res als Kri­tik an ihrem Glau­ben, das in die Häre­sie mün­det. Für sei­ne Frau ist es eine dop­pel­te Belei­di­gung, einer­seits lehnt er ihren Glau­ben ab aber auch sie als Per­son, da sie zu ihrem Glau­ben steht.

Die Ordnung der Geschlechter

Am Ende ent­schä­digt er Griet mit den Per­len­ohr­rin­gen sei­ner Ehe­frau. Für Griet sind die Per­len­ohr­rin­ge ein gro­ßes Ver­mö­gen, mit dem sie nichts anstel­len kann. Sie wür­de sofort als Die­bin bezich­tigt wer­den, wenn sie den Schmuck in Geld umtauscht. Und für sei­ne Ehe­frau ist es die größ­te Demü­ti­gung, die er ihr am Ende noch berei­ten kann. Da er sie, ihres Sta­tus als auch Ver­mö­gen und somit Unab­hän­gig­keit ein Stück­chen mehr beraubt.

Ver­meer schickt Griet die Perlenohrringe

 

So betrach­tet ver­liert sich lei­der die Roman­tik, auch wenn der Film sehr schön insze­niert ist.  Sobald man hin­ter die Kulis­sen sieht, zeigt es dann doch, dass es sich um ein uner­träg­li­ches Gefäng­nis bestehen­der Män­ner- und Frau­en­bil­der han­delt, stän­dig mit der Bedro­hung von der bestehen­den Gesell­schafts­ord­nung gestraft oder geäch­tet zu werden.

Sei­ne Frau kann das Sys­tem nicht ver­las­sen, Ver­meer, als auch Griet nicht. Von Anbe­ginn bis Ende eine hoff­nungs­lo­se Lie­bes­ge­schich­te, gespickt mit emo­tio­na­len Ver­let­zun­gen, die von Ver­meer an Griet und sei­ne Frau aus­ge­teilt werden.

Griet hat auf die Wün­sche von Ver­meer ein­zu­ge­hen, egal ob sie das möch­te oder nicht, denn sie ist sei­ne Ange­stell­te. Das Gan­ze wird als frei­wil­lig dar­ge­stellt, da sie ver­liebt in ihn ist, aber in Wahr­heit gibt es kei­ne ech­te Frei­wil­lig­keit. Auch die Frau von Ver­meer wird an ihren Platz ver­wie­sen, indem er Griet die Ohr­rin­ge schenkt, denn das zeigt ihr erneut, wer das Sagen hat, und von wem sie am Ende abhän­gig ist.

Die Perlen im Porträt von Vermeer. Echt oder Fälschung?

Bis heu­te ist nicht klar, ob es sich mög­li­cher­wei­se um ein Dienst­mäd­chen auf dem Bild han­del­te, oder doch um eine sei­ner Töch­ter. Das soll dich und mich aber nicht wei­ter beschäf­ti­gen, statt­des­sen wen­den wir uns den Per­len zu.

Im 16. und frü­hen 17. Jahr­hun­dert waren sehr vie­le Per­len durch die neu­en Über­see­ko­lo­nien im Umlauf. Zuvor waren sie dem hohen Adel und Herr­schern vor­be­hal­ten. Durch die plötz­li­che Per­len­flut, aus der neu­en Welt, kam es zu einem star­ken Preis­ver­fall in Euro­pa. Per­len waren noch immer teu­er, aber der gewöhn­li­che Adel konn­te sich jetzt auch eine Per­len­ket­te leis­ten. Die­ser neue Luxus wur­de groß­zü­gig zele­briert. Kaum ein Gemäl­de von damals, auf dem eine ade­li­ge Frau kei­ne Per­len trug. Die Per­le sym­bo­li­sier­te Reich­tum, so wie heu­te der Dia­mant. Schließ­lich hat­ten die Stars von damals, Köni­ge, Köni­gin­nen, und Hof­ge­sell­schaft, Per­len mit Stolz getra­gen und jetzt konn­te sich auch der ein­fa­che Adel an ihrem Lüs­ter und Schein erfreuen.

Die Per­le war bereits bei den Grie­chen und Römern sehr beliebt. Sie wur­den mit Venus und Aphro­di­te gleich­ge­setzt und auch Trä­nen der Göt­ter genannt. In der christ­li­chen Tra­di­ti­on sym­bo­li­sier­ten sie Rein­heit und waren zugleich etwas Besonderes.

Exper­ten sind sich inzwi­schen ziem­lich sicher, dass auf dem Gemäl­de von Ver­meer kei­ne ech­ten Per­len abge­bil­det sind. Beson­ders irri­tiert die Grö­ße der Per­len, denn so enor­me Exem­pla­re, in per­fek­ter Trop­fen­form, dürf­ten ein uner­mess­li­ches Ver­mö­gen gekos­tet haben und wei­ter­hin nur für die obers­ten Macht­trä­ger erschwing­lich gewe­sen sein.

In his­to­ri­schen Muse­en sieht man oft Per­len­mu­ta­tio­nen die ein wenig mons­trös anmu­ten und den Herr­scher­häu­sern gehör­ten. Für die nor­ma­le Bevöl­ke­rung waren sie uner­schwing­lich. Die Per­len wur­den in Schmuck­stü­cke und Poka­le ein­ge­ar­bei­tet. Dabei wur­de die natür­li­che Form der Per­le auf­ge­grif­fen und mythi­sche Figu­ren und Fabel­we­sen mit Gold und Edel­stei­nen geschaffen.

Die größ­te Per­le, die bis jetzt gefun­den wur­de, wiegt 34 Kilo­gramm! Viel­leicht fällt dir die Per­le “La Pere­gri­na” ein, die zuerst der Köni­gin Eliza­beth I. von Eng­land und spä­ter der Schau­spie­le­rin Liz Tay­lor gehör­te. Die­se Per­le bil­de­te eine Aus­nah­me in per­fek­ter Trop­fen­form und Größe.

Ein wei­te­rer Beweis, dass kei­ne ech­te Per­le für das Gemäl­de ver­wen­det wur­de, ist der metal­li­sche Glanz, den sie aus­strahlt. Ver­meer als Meis­ter des Lichts wuss­te, das eine natür­li­che Per­le einen gelb­li­chen Lüs­ter wirft, und hät­te sie auch dem­entspre­chend gemalt. Wie peni­bel Licht­ver­hält­nis­se für die Male­rei sind, kommt sehr gut im Film zum Aus­druck, als Griet fragt, ob sie die Fens­ter put­zen soll oder nicht, da sie den Licht­ein­fall ver­än­dern würde.

Auf Ver­meers Bild ist also eine Per­le zu sehen, die nicht natür­lich gewach­sen ist, son­dern her­ge­stellt wur­de. Damals waren zahl­rei­che Varia­tio­nen im Umlauf. Eine Metho­de um Kunst­per­len her­zu­stel­len war, hoh­le Glas­per­len von innen mit gemah­le­nen Fisch­schup­pen, die flüs­sig auf­ge­tra­gen wur­den, zu über­zie­hen. Und um ihnen Gewicht zu ver­lei­hen und dadurch den Ein­druck zu erwe­cken, dass es sich um ech­te Per­len han­delt, wur­den sie mit Wachs gefüllt.

Bei der Per­le von Ver­meer,  han­delt es sich aber eher um eine Zinn- oder Sil­ber­ku­gel, laut Exper­ten. Auch der Per­len­ohr­ring, der im Film ver­wen­det wur­de, wird kaum eine Echt­per­le gewe­sen sein. Kunst­per­len wer­den zum Bei­spiel mit einem iri­sie­ren­den Mate­ri­al über­zo­gen, so wie man ein Bein in eine Strumpf­ho­se zwängt.

Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Originalporträt
Ori­gi­nal­por­trät. Ach­te auf die Perle
Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Originalporträt von Vermeer nachgestellt.
Fil­mi­sche Dar­stel­lung des Por­träts mit Scar­lett Johannson

Hier kannst du die den Per­len­ohr­ring ein­mal auf dem Gemäl­de und dann im Film ver­glei­chen. Die ver­schie­de­nen Farb­tö­ne des Per­len­ohr­rings ob Film oder Por­trät, sind sehr gut zu sehen.

Ich hof­fe, ich konn­te dir neue unsicht­ba­re Schmuck­spu­ren näher brin­gen, schließ­lich ist es Wert genau­er hin­zu­se­hen. Was ein Per­len­ohr­ring nicht alles Sagen oder Ver­schwei­gen kann;)

Quel­len:

Das Mäd­chen mit dem Per­len­ohr­ring. Peter Webber(2003 USA, UK, Luxemburg)

TC:1:34:24; TC:1:21:39; TC:1:11:27; TC:0:22:52; TC:1:19:52; TC:1:20:39; TC:1:32:50

Inter­view mit einem Vam­pir. Neil Jor­dan (1994 USA) TC: 1:36:09

Fin­lay, Vic­to­ria. Jewels: A Secret Histo­ry. Ran­dom House Publi­shing Group.

2 Gedanken zu „Film: Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Tränen der Jungfrau

  1. Vie­len Dank für die­sen span­nen­den Bericht.

    Wir haben die­sen Film damals in der Schu­le gese­hen, aber beim ers­ten Schau­en bekommt man die meis­ten Details gar nicht mit. Von daher war es jetzt sehr inter­es­sant zu lesen, was hin­ter einer ein­zel­nen Per­le ste­cken kann.

    Lie­be Grüße 😊

    1. Hal­lo Michi:) Ja, mir ist auch schon auf­ge­fal­len, dass der Film sehr ger­ne in Schu­len gezeigt wird;) Freut mich, wenn ich dir neue Ein­bli­cke geben konn­te, war auch span­nend für mich, dar­über zu schrei­ben Lie­be Grü­ße Julia

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