Embryonenschmuck- das gibts?

Embryonenschmuck- das gibts?

Vor weni­gen Tagen sah ich in der U‑Bahn eine Wer­bung „Wir hel­fen Ihnen bei Ihrem Kin­der­wusch“. Wör­ter wie künst­li­che Befruch­tung (IVF=In-Vitro-Fertilisation) wer­den da natür­lich nicht hin­ge­schrie­ben. Da fiel mir wie­der ein, dass ich vor Kur­zem über Embryo­nen­schmuck gele­sen habe. Du wirst dich sicher fra­gen, was echt jetzt?

Aber ja, das gibt es!

Mei­ne ers­te Reak­ti­on war, ver­mut­lich wie bei dir auch,  wer macht denn so was, und irgend­wie fand ich es grau­sig. Das liegt wohl an mei­ner Vor­stel­lungs­kraft.  Anstatt eines Embry­os sehe ich einen Fötus, mit Armen, Bei­nen, und Gesicht, vor mei­nen Augen, und da wirkt das Gan­ze viel hef­ti­ger und weckt in mir Unbe­ha­gen. Dabei stellt mir aber mei­ne Fan­ta­sie Strei­che, denn in Wahr­heit ist, dass alles viel weni­ger dras­tisch als man es sich vor­stellt. Ich habe mich mit dem The­ma genau­er aus­ein­an­der­ge­setzt und viel­leicht bringt es dir auch neue Einblicke.

Ein aus­tra­li­sches Ehe­paar kam auf die Idee aus Kör­per­sub­stan­zen wie Haa­re, Mut­ter­milch, Nabel­schnur, Pla­zen­ta, Tier­a­sche und eben auch embryo­na­le Asche mit Kunst­harz zu ver­set­zen und dar­aus Schmuck zu fer­ti­gen. Nun stellt sich natür­lich die Fra­ge wie sie dar­auf kamen, und war­um Men­schen über­haupt Schmuck aus Embryo­nen haben möchten.

Das Paar hat­te sei­ne Fami­li­en­pla­nung mit­tels künst­li­cher Befruch­tung (IVF- In Vitro Fer­ti­li­sa­ti­on) erfolg­reich abge­schlos­sen. Jetzt stan­den sie vor dem Dilem­ma,  was sie mit den rest­li­chen Embryo­nen anfan­gen sollten?

Was passiert eigentlich mit den übrigen Eizellen bzw. Embryonen die nicht mehr benötigt werden?

Nor­ma­ler­wei­se wer­den sie ent­sorgt oder ein­ge­fro­ren (Kryo­kon­ser­vie­rung, bei ‑196° Cel­si­us). Die Eizel­len bzw. auch Embryo­nen kön­nen zu einem spä­te­ren Zeit­punkt auf­ge­taut und ein­ge­setzt wer­den. Die Kos­ten für die Ein­frie­rung und Lage­rung tra­gen die Paa­re nor­ma­ler­wei­se selbst. Bereits die künst­li­che Befruch­tung hat meh­re­re 1000€ gekos­tet (50% wer­den anfangs von der Kas­se getra­gen) für die Kon­ser­vie­rung fal­len erneut Ein­frie­rungs- und Lager­kos­ten an. Die Lager­kos­ten sum­mie­ren sich im Lau­fe der Zeit und stel­len für die Paa­re eine finan­zi­el­le Belas­tung dar (pro Jahr um die 250–350€, die Zel­len kön­nen Jahr­zehn­te überdauern).

Um die Befruch­tungs­ra­te zu stei­gern, wer­den meh­re­re Eizel­len im Vor­feld befruch­tet (15–40 Stück) und in die Gebär­mut­ter ein­ge­setzt. Wenn sich meh­re­re Eizel­len zu Embryo­nen ent­wi­ckeln, also die befruch­te­ten Eizel­len mit der Zell­tei­lung beginnt, wer­den die­je­ni­gen, die zu viel sind, wie­der ent­nom­men, und kön­nen falls ein­ge­fro­ren, für eine spä­te­re Schwan­ger­schaft ver­wen­det wer­den. Die befruch­te­ten Eizel­len ber­gen theo­re­tisch das Poten­zi­al zu einem Fötus her­an­zu­wach­sen, sind aber außer­halb der Gebär­mut­ter nicht über­le­bens­fä­hig.

Sobald die Embryo­nen auf­ge­taut wer­den, zer­fal­len sie. Mit­hil­fe einer spe­zi­el­len Nähr­lö­sung schaf­fen es Wis­sen­schaft­ler inzwi­schen auch außer­halb der Gebär­mut­ter den Embryo zum Wach­sen zu brin­gen, aus ethi­schen Grün­den muss nach zwei Wochen abge­bro­chen werden.

Das Ein­frie­ren fin­det gene­rell am 2.–3., spä­tes­tens am 6. Tag statt. Die Eizel­le ist gera­de so mit dem mensch­li­chen Auge sicht­bar und misst 0,1 mm. Falls sie zu einem Embryo wird, ist sie in 4 Wochen 1,0 mm, also so groß wie ein Mohn­sa­men.

Neben der Kryo­kon­ser­vie­rung gibt es in eini­gen Län­dern die Mög­lich­keit, Öster­reich und Deutsch­land aus­ge­nom­men, die über­zäh­li­gen Embryo­nen an ande­re kin­der­lo­se Paa­re zu spen­den. Auch ist es mög­lich der For­schung die Eizel­len bzw. Embryo­nen zu überlassen.

DNA Asche – wie viel ist nötig?

Auf der Home­page des Ehe­paa­res, Baby­Bee Hum­ming­burd (Baby­bie­ne Koli­bri) wird ein Tee­löf­fel Asche mit mensch­li­cher DNA benö­tigt, um ein Schmuck­stück zu fer­ti­gen.  Ich fra­ge mich, seit­dem ich davon weiß, wie sie über­haupt so viel Asche zusam­men­be­kom­men. Zum Bei­spiel müss­ten 20 Embryo­nen auf max 2–3 mm Grö­ße ins­ge­samt kom­men, das ergibt nie­mals die benö­tig­te Men­ge. Ver­mut­lich besteht der Rest der Asche aus Kon­ser­vie­rungs­flüs­sig­keit. Falls jemand auf die Idee kom­men soll­te, Dia­man­ten aus der Embryo­nen­asche zu fer­ti­gen, dafür reicht es vom Volu­men her nicht. Für die Her­stel­lung eines Dia­man­ten aus mensch­li­cher Asche, benö­tigt man min­des­tens 500g um genü­gend Gra­fit zu extra­hie­ren. Die Men­ge der Embryo­nen­asche kommt nicht mal an eine Pri­se Salz her­an, und trotz­dem ent­brennt zur Zeit eine ethi­sche Dis­kus­si­on über die Her­stel­lung von Embryo­nen­schmuck.

Eine öster­rei­chi­sche Bio­ethi­ke­rin Susan­ne Kum­mer sieht die Ver­ar­bei­tung embryo­na­ler DNA in Schmuck­stü­cke äußerst kri­tisch. Für sie bedeu­tet es eine ‚Ver­ding­li­chung‘ und Kom­mer­zia­li­sie­rung,  in ihren Wor­ten, eine ‚ästhe­tisch-kon­su­mis­ti­sche‘ Erhö­hung des Men­schen.  Die Schmuck­her­stel­lung stellt für sie eine emo­tio­na­le Beschö­ni­gung dar, aber kei­ne ech­te Trauerarbeit.

Hin­ter die­ser Debat­te, ver­steckt sich in Wahr­heit ein ethi­scher Kon­flikt, der seit Jahr­zehn­ten anhält. Ab wann ist mensch­li­ches Leben, als sol­ches zu bezeich­nen, und ab wann ist es schüt­zens­wert?

Kein Wun­der also, dass vor allem die katho­li­sche Pres­se (online) über Embryo­nen­schmuck berich­tet, und die Stel­lung­nah­me von Susan­ne Kum­mer für sich ver­ein­nahmt. Die Kri­tik an die­sem Schmuck dient ledig­lich als Auf­hän­ger um die  Debat­te erneut zu befeuern. 

Wäh­ren Auf­he­bens um Embryo­nen im 0,1 mm Bereich gemacht wird, wird der eigent­li­che Skan­dal über­gan­gen. Die Eizel­le ist zu einer flo­rie­ren­den Han­dels­wa­re gewor­den, und zwar auf Kos­ten der Gesund­heit der Frau­en (z.B. Über­stim­mu­lie­rungs­syn­drom durch die Hor­mon­the­ra­pie, spä­te­re Eier­stock­tu­mo­re, usw …). Für die Repro­duk­ti­ons­me­di­zin, und die embryo­na­le Stamm­zel­len­for­schung, wer­den gro­ße Men­gen benö­tigt. Frau­en, die in einer Not­la­ge sind, wer­den aus­ge­beu­tet, und die­nen als Roh­stoff­lie­fe­ran­ten. Dabei wäre das gar nicht nötig, da Stamm­zel­len aus Nabel­schnur­blut und Stamm­zel­len von Erwach­se­nen zur Ver­fü­gung stehen.

Ich kom­me zurück zum Anfang. Fin­de ich es noch immer unheim­lich und grau­sig? Naja, ich bin nicht unbe­dingt ein Fan von der Ver­wen­dung von mensch­li­chen Kör­per­flüs­sig­kei­ten und Sub­stan­zen im Schmuck, aber mei­ne Abnei­gung hat sich ziem­lich abge­flaut, wie sieht es bei dir aus?

Embryo­nen­schmuck, ja oder nein?

Egal ob es mir per­sön­lich gefällt oder nicht, es ist die Ent­schei­dung der Paa­re was mit ihren Embryo­nen pas­siert, und was sie damit tun möch­ten. Für das aus­tra­li­sche Ehe­paar ist der Embryo­nen­schmuck ein Erin­ne­rungs­stück, an die vie­len Jah­re, die sehr hart und schwie­rig waren (Hor­mon­the­ra­pien, sel­ten funk­tio­niert es beim ers­ten Zyklus, Hoff­nun­gen und Ängs­te). Zusätz­lich ist es wohl auch ein echt phy­sisch-sym­bo­li­sches Zei­chen ihrer Lie­be. Hey, schließ­lich han­delt es sich um das Ver­schmel­zen zwei­er Zel­len. Und schluss­end­lich wur­den sie mit wun­der­ba­ren Kin­dern belohnt, und kom­men mög­li­cher­wei­se leich­ter damit klar, wenn ihre “Kin­der der Mög­lich­keit”, bei ihrer Fami­lie, in Form eines Schmuck­stü­ckes sind, und nicht bei einem ande­ren Paar, oder der Wis­sen­schaft zur Ver­fü­gung stehen.

Ihre DNA – ihr Wille:)

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