Der Hobbit. Schmucknarben der Orks

Der Hobbit. Schmucknarben der Orks

Es gibt kei­nen ein­zi­gen Elben mit feh­len­dem Bein oder Auge. Ist dir das schon mal auf­ge­fal­len? Sie haben auch kei­ne Nar­ben, oder lächeln dir mit grin­di­gen Zäh­nen ent­ge­gen. Oder, ein adi­pö­ser Elbe, stell dir das mal vor!!!

Was sagt uns das über Hollywoodfilme?

Noch spannender! Was sagt das über uns, als Zuseher aus?

Welches Menschenbild sehen wir tagtäglich?

Es brennt mir schon lan­ge unter den Fin­ger­kup­pen die­sen Arti­kel zu schrei­ben, denn ich möch­te erklä­ren, wie wich­tig es ist, über Fil­me, die wir uns zur Unter­hal­tung rein­zie­hen, ein biss­chen nach­zu­den­ken. Was sehen wir da eigentlich?

So schön die Ver­fil­mun­gen von Herr der Rin­ge und der Hob­bit sein mögen, bedie­nen sie sich doch Ste­reo­ty­pi­sie­run­gen, also Vor­la­gen, die uns bestimm­te Infor­ma­tio­nen über­mit­teln. Die­se Vor­la­gen ermög­li­chen es uns, die Hand­lung, und die Per­so­nen im Film, ein­zu­ord­nen und zu verstehen.

Das Pro­blem dar­an, die­se gezeig­ten Ste­reo­ty­pe, haben Ein­fluss auf uns. Auch wenn es uns nicht bewusst ist, prä­gen sich in uns unter­be­wusst die­se Bil­der und Vor­stel­lun­gen ein.

Vor­stel­lun­gen, wie jemand zu sein hat.

Vor­stel­lun­gen wie jemand aus­zu­se­hen hat.

Und nicht nur das, wir schrei­ben die­sen Men­schen­bil­dern auch Eigen­schaf­ten zu- posi­ti­ve oder nega­ti­ve.  Wir bekom­men immer wie­der die glei­chen Ste­reo­ty­pe gezeigt, und weil es sich in Fil­men stän­dig wie­der­holt, mer­ken wir es uns, ob wir wol­len oder nicht. Durch Wie­der­ho­lung ler­nen wir schließ­lich am besten.

Wie sieht der Klas­sen­bes­te aus im Film? Er trägt eine Brille.

Wie sieht der Komi­ker, oder Lach­num­mer meis­tens aus- er oder sie ist dick und unge­schickt. Sol­che Bil­der fin­dest du auch in Herr der Rin­ge, und der Hob­bit, und das nicht zu knapp.

In den Fil­men wer­den eini­ge die­ser nega­ti­ven oder posi­ti­ven Zuschrei­bun­gen, sehr klar dar gestellt. Gut und Böse wird mit Schmuck, wor­un­ter ich Haar‑, Augen­far­be, Nar­ben, und Kos­tüm ver­ste­he, unter­schie­den. Es ist eine Welt in Schwarz und Weiß, die abge­bil­det wird. Gut oder böse, schön oder häss­lich, beein­träch­tigt oder gesund.

Schauen wir uns mal die Orks  genauer an

Alles was bei dir und mir Urängs­te aus­löst, ist in einen Ork gepackt. Dabei spielt die Dar­stel­lung von Behin­de­rung eine wich­ti­ge Rol­le. Denn, Behin­de­rung macht Angst!

Ein wei­te­rer Trig­ger, der bewusst fil­misch ein­ge­setzt wird:  Urvöl­ker und ihre kul­tu­rel­len Prak­ti­ken. Die bei uns geschür­ten Ängs­te sind noch nicht das eigent­li­che Pro­blem, son­dern die Ver­knüp­fun­gen die in unse­ren Köp­fen, durch die gelie­fer­ten Bil­der ent­ste­hen.   – So wer­den Vor­ur­tei­le gebildet.

Welche Eigenschaften schreibst du einem Ork zu?

Was ich sehe:

  • böse
  • grau­sam gegen­über sich selbst und anderen
  • krie­ge­risch
  • hin­ter­häl­tig
  • manch­mal feige
  • häss­lich
  • unge­pflegt

Wie werden uns die Eigenschaften der Orks gezeigt? 

    1.mit Behin­de­rung und Krankheit

  • feh­len­de Gliedmaßen
  • Lymphö­dem, Geschwüre
  • trü­bes oder feh­len­des Auge, Blindheit
  • zer­trüm­mer­ter, genie­te­ter Schädel
  • über­di­men­sio­na­ler Körperbau
  • schlech­te Zähne

    2. mit Schmer­zen und Gewalt.  Prak­ti­ken die auf Natur­völ­ker hindeuten

  • Tie­fe Nar­ben im Gesicht und Kör­per (Ska­ri­fi­zie­rung)
  • Metall genie­te­te Verletzungen
  • ein­ge­wach­se­ne Pan­zer­plat­ten am Kör­per und Gesicht
  • Waf­fen aus Metall, durch ampu­tier­te Glied­ma­ßen gesteckt
  • Spra­che nur mit Über­set­zung und Untertitel‑, a la Apocalypto
  • tra­gen von Tro­phä­en am Körper
  • dunk­le Haut oder, extrem bleich

3. mit Ähn­lich­keit von Tieren:

  • ani­ma­li­sche Gesichts­zü­ge und Kos­tüm. (Raub­kat­ze, Dino­sau­ri­er, Ech­sen, Schwein)
  • Reiß­zäh­ne, spit­ze Zähne
  • über­di­men­sio­na­ler Körperbau

Azog und Bolg. Behinderung und Ritual

  • Die Schmucknarben der Orks. Azog, das Narbengesicht

Azog ist von tie­fen Nar­ben in Gesicht – und Ober­kör­per gezeich­net. Die Nar­ben sind sym­me­trisch, daher sind es bewusst zuge­füg­te Ver­let­zun­gen, mit Bedeu­tung. Man sagt auch Schmuck­nar­ben dazu, oder Skarifzierung.

Ska­ri­fi­zie­rung ist eine Form von Kör­per­mo­di­fi­ka­ti­on, die bei Natur­völ­kern vor­kom­men kann.

Ins­be­son­de­re eini­ge afri­ka­ni­sche Stäm­me, ver­wen­de­ten die­se Schmuck­form, um sich von ande­ren Grup­pen abzu­gren­zen, aber auch zur Ver­schö­ne­rung, und als Initia­ti­ons­ri­tus hei­rats­fä­hi­ger Mäd­chen. Wei­te­re Schmuck­nar­ben konn­ten im Lau­fe der Zeit zuge­fügt wer­den. Man hielt mit den Nar­ben – beson­de­re Ein­schnit­te im Leben -, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes, fest.

Nicht nur das Zufü­gen der Schmuck­nar­ben ist sehr schmerz­haft, auch der erwünsch­te, und immer wie­der gestör­te Hei­lungs­pro­zess. Nur so, kön­nen tie­fe, wuls­ti­ge Nar­ben entstehen.

Die Bru­ta­li­tät der Nar­ben, soll die Grau­sam­keit der Orks  gegen­über ihren eige­nen Leu­ten, und sich selbst, zei­gen. Gesichts­nar­ben bei Män­nern, wir­ken zudem männ­li­cher und strah­len Gesund­heit und Tap­fer­keit aus. Dar­über gibt es wirk­lich Stu­di­en. Um die­sen “männ­li­chen”  Ein­druck zu ver­stär­ken, wird Azog als über­di­men­sio­na­ler Body­buil­der gezeigt. Zu den Nar­ben gesel­len sich ani­ma­li­sche Gesichts­zü­ge. Azog wirkt wie eine Raub­kat­ze in Angriffs­po­si­ti­on. Fla­che Nase, Reiß­zäh­ne und Gesichts­form ver­stär­ken den Eindruck.

  • Azogs Behinderung

Ein Arm von Azog ist abge­trennt. Es han­delt sich um eine Kriegs­ver­let­zung die ihm in einer frü­he­ren Schlacht zuge­fügt wur­de. Eine grau­sa­me Pro­the­se ragt aus sei­nem Arm­stumpf. Es ist eine ein­fach kon­stru­ier­te Metall­klaue, die durch sei­nen Unter­arm, bis zur Höhe des Ell­bo­gens, durch­ge­bohrt wur­de. Als Azog in die Schlacht zieht, befin­det sich anstel­le der Klaue ein über­di­men­sio­na­ler Säbel. Allei­ne die Vor­stel­lung, die Pro­the­se zu erset­zen ist wirk­lich schaurig.

Neben sadis­ti­schen Cha­rak­ter­zü­gen, drückt die Anbrin­gung der Waf­fe auch maso­chis­ti­sches Ver­hal­ten aus. Selbst zuge­füg­te Schmer­zen gehö­ren zu sei­ner Kul­tur und sei­nem Leben, wie Menschenfleisch.

Fakt ist:

Azog gehört zur Grup­pe der – Orks mit Beein­träch­ti­gung – und nicht nur er allei­ne, auch Bolg. Bolg ist der Rang nie­de­re “Offi­zier” und auch er wird mit schwe­ren Kriegs­ver­let­zun­gen gezeigt.  Sein Schä­del wird mit genie­te­ten Metall­blech zusam­men­ge­hal­ten. Zusätz­lich hat er ein trü­bes Auge und ist halb­sei­tig blind.

Das heißt:

Bos­haf­te und nega­ti­ve Per­sön­lich­kei­ten wer­den mit Behin­de­rung, oder Krank­heit gezeigt. Es sind Mons­ter mit Behinderung.

Bolg trägt übri­gens noch zahl­rei­che Tro­phä­en an sei­nem Kör­per. Am Rücken sind Bären­klau­en auf den Schul­ter­blät­tern und an einem Ober­arm ein mensch­li­cher Toten­schä­del befes­tigt. In spä­te­ren Auf­nah­men, hat er zusätz­lich einen Toten­schä­del im Schritt- also ein ganz beson­de­rer Geni­tal­schutz;)- und an bei­den Bei­nen bau­meln wei­te­re Schä­del.  Auch hier wird die Vor­stel­lung der Tro­phä­en­samm­lung ‚eine frü­he­rer Prak­tik man­cher Natur­völ­ker, bedient.

Neben Behin­de­rung wird auch Krank­heit allei­ne der “bösen Sei­te” zuge­schrie­ben. Sie dir die Gob­lins und die Trol­le genau­er an!

Irgend­wie ist der Gob­lin­kö­nig eine Lach­num­mer – stark adipös

er wirkt absto­ßend – Geschwü­re und unge­pfleg­tes Äußeres

und natür­lich Böse – die Zwer­ge sind die nächs­te Mahlzeit.

Es sind nicht nur die Prot­ago­nis­ten unter den Böse­wich­ten die mit die­sen Merk­ma­len aus­ge­stat­tet wer­den, son­dern auch in klei­nen Sze­nen fin­den sich immer wie­der nega­ti­ve Anspie­lun­gen, in Zusam­men­hang mit Behin­de­rung, oder Krankheit.

Böse Charaktere werden mit Behinderung dargestellt.
Spi­on und Meu­chel­mör­der, dar­ge­stellt mit blin­dem Auge

Die Elben blond und blauäugig = gut und schön?

In Herr der Rin­ge und der Hob­bit. Ja.

Die Elben sind schlank und rank, gelen­kig, wen­dig  und sie besit­zen gepfleg­te lan­ge Haa­re und wei­ße Haut. Sie sind die Robin Hoods des Wal­des und immer per­fekt gestylt.

Die höchs­te “Ras­se”  unter den Elben, ist blond und blau­äu­gig. Galadri­el als auch Thran­duil ste­hen als Bei­spiel dafür.

Elrond ist ledig­lich ein Halbel­be. Sei­ne Haa­re sind dun­kel­braun, wie die sei­ner Toch­ter Arwen, bei ihr hat sich der Mensch gene­tisch durchgesetzt.

Die gesell­schaft­li­che Rang­ord­nung der Elben wird bereits mit der Haar­far­be definiert.

Zusam­men­ge­fasst:

  • Wal­del­ben und Unter­ge­be­ne Thran­duils sind rothaarig,
  • Halbel­ben sind brünett
  • der Adel blond

Lego­las, der Sohn von Thran­duil, besitzt wie sein Vater blon­de lan­ge Haa­re. Was vie­le  Fans etwas ver­wirr­te, sei­ne Augen­far­be wech­selt zwi­schen den Film­tei­len hin und her, ‑ein­mal braun, dann wie­der blau. Die Aus­stat­ter ver­ga­ßen ledig­lich, auf die Kon­takt­lin­sen von Orlan­do Bloom (Lego­las), der in real brau­ne Augen hat. Die gesell­schaft­li­che Hier­ar­chie ist mit Augen- und Haar­far­be bewusst in der Hobb­bit fest­ge­legt worden.

Hier eine Sze­ne aus Herr der Rin­ge. Die blau­en Augen, die du im Video siehst, machen schon rich­tig schwin­de­lig. Ab Sekun­de 40 geht das ” blue eye” Spek­ta­kel los und es liegt nicht an der Beleuch­tung. Boro­mir der auch blaue Augen besitzt, kann den Blick von Galadri­el nicht stand­hal­ten. Blaue Augen ste­hen in die­ser Sze­ne für Ehr­lich­keit und Rein­heit, aber auch für “das sehen­de Auge”. Der Blick in die Zukunft.

Und was ist jetzt mit den Zwer­gen und den Hob­bits, die sind doch kleinwüchsig?

In real sieht sehen vie­le klein­wüch­si­ge Men­schen anders aus, meis­tens kommt es zu Defor­mie­run­gen der Kno­chen und Mobi­li­täts­ein­schrän­kung. Sehr weni­ge sind ein­fach nur von Klein­wuchs betrof­fen. Den Zwer­gen im Film fehlt nichts, es sind klei­ne per­fek­te Män­ner, – eben bloß‑, in Minia­tur. Sie kön­nen sogar eine Elben­frau erobern, wie die ein­ge­floch­te­ne Lie­bes­be­zie­hung zwi­schen Kili dem Zwerg und Tau­ri­el der Wal­del­bin zeigt.  Und die Hob­bits, erin­nern ein wenig an unschul­di­ge Kin­der. Die Glied­ma­ße sind gera­de gewach­sen, egal ob dick oder dünn, sie ren­nen wie der Blitz, und sind beweg­lich wie der Wind. Die Zwer­ge und Hob­bits sind ein klei­ner Licht­blick, aber eben nur, ein klei­ner. Und ja, auch hier fin­den sich Zuschrei­bun­gen, die ver­mut­lich vie­le klein­wüch­si­ge Men­schen, als Belei­di­gung emp­fin­den. Denn wie bekommt man den Stem­pel, ewig als Kind wahr­ge­nom­men zu wer­den, wie­der los?

Natür­lich hat Peter Jack­son und sein Team, die Cha­rak­ter­vor­la­gen für Hol­ly­wood­fil­me nicht erfun­den, Behin­de­rung und Böse­wich­te mit­ein­an­der zu ver­bin­den, hat lan­ge Tra­di­ti­on in der Traum­fa­brik. Wir sind die­se Welt, die in gut und böse, schwarz und weiß auf­ge­teilt wird, so gewohnt, dass es schwie­rig ist, ohne sie eine Geschich­te zu erzäh­len, die von uns, dem Publi­kum, ver­stan­den wird. Aber es ist nicht unmög­lich! Der Krea­ti­vi­tät sind kei­ne Gren­zen gesetzt. Jeden Regis­seur soll­te es rei­zen, die­se Her­aus­for­de­rung anzunehmen.

Schon gehört? Eine “Herr der Rin­ge” Serie ist geplant;)  ich bin schon gespannt, wel­chen Schmuck es dort zu ent­de­cken gibt. Es wird nicht weni­ger wer­den, welch Glück für mich:)

 

Film­tri­lo­gie:

Peter Jack­son. Der Hob­bit: Eine uner­war­te­te Rei­se (2012 NZ, USA)

TC:1:29:28; TC:0:02:15

Peter Jack­son. Der Hob­bit: Smaugs Ein­öde (2013 NZ, USA)

TC:0:25:31

Peter Jack­son. Der Hob­bit: Die Schlacht der fünf Heere(2014 NZ, USA)

TC:0:25:07; TC:1:45:18

3 Gedanken zu „Der Hobbit. Schmucknarben der Orks

  1. Ich fin­de, gera­de dass sowohl in ‘Der Hob­bit’ als in ‘Herr der Rin­ge’ die Hob­bits die Hel­den sind, einen der schöns­ten Aspek­te der Film. Dass eben die fried­lie­ben­den klei­nen Hob­bits mit ihren haa­ri­gen Füßen und ihrem Opti­mis­mus die Hel­den sind, und nicht die “glatt­ge­bü­gel­ten” und gut­aus­se­hen­den Krieger.

    1. stimmt, das ist wirk­lich ein sehr schö­ner Aspekt, wenn man es so sieht. Lei­der wer­den aber sehr vie­le Ste­reo­ty­pe der Hol­ly­wood­film­in­dus­trie in der Hob­bit, oder Herr der Rin­ge bedient. Und ich ent­blät­te­re die­se indem ich mir die Sym­bol- und Schmuck­spra­che genau­er anschaue. Inter­es­sant wäre der Stand­punkt von jeman­den der klein­wüch­sig ist, wie er/sie das wohl sieht? Lie­be Grüße:)

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