Es ist immer wieder spannend, wenn meine Mutter mir etwas aus ihrer Jugendzeit erzählt. Seitdem ich diesen Schmuckblog gegründet habe, und mich mit Menschen und ihren Geschichten beschäftige, werden auch bei ihr frühere Erlebnisse wach.

Ein Stück aus ihrer Vergangenheit sind diese Briefe, die sie seit 38 Jahren aufbewahrt. Es sind Nachrichten einer Freundin, die sich auf den Weg nach Indien machte, und in einem Ashram, ein Zentrum der spirituellen Findung lebte. Ashram bedeutet übersetzt, ein „Ort der Anstrengung”.

Namaste!

Namaste kommt aus dem Sanskrit, “nam” für “sich verneigen” und ist ein Zeichen höchsten Respekts. Der Gruß Namaste hat die ungefähre Bedeutung: “Ich beuge mich vor dem Göttlichen in dir oder “Du und ich, wir sind eins”.

Meine Seele grüßt die Deine Seele. 

Brief. Diamanten in Auroville, Namaste

Auroville 1.10.1979

Eine frühere Freundin meiner Mutter schrieb ihr:

  1. Nach 4 Wochen Indien kann ich endlich mal meine Gedanken sammeln und schreiben. Von Dehli bin ich weitergefahren nach Benaves. Dann weiter nach Calcutta, Machra  und jetzt bin ich schon gut 2 Wochen hier in Auroville –Hope (Community). Wohne in einem netten Kleinen Haus und arbeite mit anderen Aurovillianern zusammen. Indien ist wie schon einmal erlebt  ein Kulturschock, doch unheimlich schön.

Kathmandu, 18.5.1980

2. Wie du siehst liebe I. bin ich in Kathmandu/Nepal gelandet doch nur für kurze Zeit, denn Nepal ist schön und gut wenn man entweder Trekking macht oder Haschisch raucht und da ich keines von beiden tue so muss ich mich denn meinen Aufgaben zuwenden und zurück nach Indien gehen. Ich kann einfach nicht mehr so in den Tag hinein leben das lässt mein Yogaweg nicht zu. Ich lebe total allein, zurückgezogen und mich auf den Sinn des Lebens zu konzentrieren und auf meine Aufgaben die mir bevorstehen. 

Nach einem Jahr Trekking und Indien, kehrte sie zurück nach Auroville.

Brief: Auroville 3.11.1980

3. Liebe I., bin wieder nach hause zurück gekehrt für immer (wer weiß…..) lebe hier mit M.  in auroville-certitude. Momentan stellen wir Diamantwerkzeuge für die Industrie her und werden sobald wir ein schönes Stück Land gefunden haben mit Landwirtschaft anfangen, Workshops, Unterricht erteilen, Bäume pflanzen usw. es ist sehr schön hier zu leben und für das göttliche zu arbeiten.

 

Der Originalbrief liebevoll mit getrockneten Blättern verziert.

Moment mal, Diamantwerkzeug?

Was hat ein Ashram mit der Diamantindustrie zu tun

Warte, warte, zuerst ein Mal: 

Was und wo ist Auroville?

Wo lässt sich schnell erklären. Auroville befindet sich in Indien und Google Maps zeigt dir ganz genau wo;)

Für mich ist es Neuland und gerade das macht es ja so interessant. In Indien befindet sich die älteste Schleifindustrie der Welt, daher ist es gar nicht abwegig, dass sich auch ein Ashram damit teilfinanziert.

  • Die Kolonie wurde 1967 von dem Philosoph und Yogi Sri Aurobindo gegründet. Den organisatorischen Part übernahm eine Französin, die von den Bewohnern auch Mutter genannt wurde. Die Gemeinschaft hatte das Ziel 50 000 Leute zu beherbergen und einen geschlossenen ökologischen Kreislauf ins Leben zu rufen. Wie du siehst, ist die Idee bis heute modern und aktueller den je.
  • Auroville existiert bis heute, aber die Gemeinschaft hat es nie geschafft, über die 5000 Mitglieder hinauszuwachsen. Es hätte Platz, denn Auroville verfügt über 1200 Hektar Land, das in 80 Communities unterteilt wurde.  Sie tragen schöne Namen wie Acceptance, Simplicity, Grace, Certitude, oder eben auch Hope, wie es die Freundin meiner Mutter schrieb.
  • In den 70er Jahren war es eine Kolonie für Aussteiger aus Europa. Geld war zu Beginn reichlich vorhanden. Die Kolonie wurde von der WHO, UNESCO, EWG und reichen Spendern unterstützt. Inzwischen sieht das anders aus. Die fleißigsten Spender sind Inder aus dem Silicon Valley und Auroville ist zu einem Touristenziel für Blogger und Foodies geworden. Das bringt zwar Geld aber nicht unbedingt Gemeinschaft und echtes Wachstum.

Realität in Auroville

  • Auroville ist auf Autarkie ausgerichtet, kann aber ohne oftmaligen Lebensmittelzukauf, als auch Export von Gütern nicht überleben. Vor allem Organisationsprobleme machen der Gemeinschaft immer wieder zu schaffen.
  • In den 70er Jahren gehörten sie zu den Pionieren, die versuchten, mit der Erde zu leben, anstatt gegen sie zu wirken. Solarenergie, Windräder, Bepflanzung, eigener Ackerbau. Jeder in Auroville ist verpflichtet mitzuarbeiten und die Bewährungsfrist um endgültig aufgenommen zu werden beträgt zwei Jahre. Jeder? Es gibt es auch die reichen Großspender, die sich diesem Prozedere nicht unterzuordnen habe. Diese kaufen sich sozusagen von Arbeit “frei”. Wie du siehst, ist es dann doch nicht so utopisch, wie es zu Beginn scheinen mag.
  • Ohne die günstige Arbeitskraft der heimischen Bevölkerung könnte Auroville nicht existieren. Eigentlich war geplant eine gemeinsame Oase zu erschaffen, inzwischen ist es eine Co-Existenz, von der zwar beide Seiten existieren, aber es auch zu einer gesellschaftlichen Trennung kommt. Ein Einheimischer äußert sich treffend dazu:

Sie leben ihr Leben, wir unseres. 

Wie kam Auroville zu den Diamanten?

Im Brief ist von der Herstellung von Diamantwerkzeug die Rede, das setzt voraus, dass eine Schleiferei in der Nähe existiert, denn Diamantstaub ist ein Abfallprodukt der Diamantschleifindustrie. Diamant schleift Diamant, deshalb kann der Diamantstaub gleich wiederverwendet werden. Der Staub, der dabei entsteht, wird Bort genannt. Daraus wird beispielsweise eine Paste gefertigt, die auf Schleifräder oder für die Politur von Edelsteinen aufgetragen wird.

Das Diamantwerkzeug, ob Feilen oder Bohrer, die du im Handel erhältst, bestehen zum Großteil aus synthetischem Diamant. Synthetischer Diamant ist immer noch preisgünstiger als natürlich gewachsene Diamanten.

Es gibt aber auch Werkzeug, in dem natürlicher Diamant zugesetzt wird, insbesondere da der Großteil der Diamanten sich nicht zum Verschleifen eignet, mangels Qualitätsanforderungen.

Die Diamantschleiferei in Auroville

1981 wurde von Michael Bonke das Unternehmen Aditi Diamanten gegründet und befindet sich bis heute im Privateigentum. Es handelt sich um eine Tochtergesellschaft der Diamantschleiferei. Die Diamanten können zu Großhandelspreisen in Antwerpen bezogen werden. Der weltweite Diamanthandel wird von der Group De Beers kontrolliert. In Antwerpen befindet sich die wichtigste Diamantbörse, und das Diamantunternehmen von Auroville ist eines von zwei deutschen Unternehmen welches direkten Zugang dazu besitzt. Sogar ein eigenes Büro wird dort unterhalten. Die Verkaufsabteilung findet sich in Deggendorf (Deutschland). Dort wird selbst Schmuck mit den hauseigen geschliffenen Diamanten hergestellt. Zusätzlich werden Schmuckfabriken in Hongkong und Bangkok geführt. Ein weiteres Luxusprodukt, welches vertrieben wird, sind Perlen aus aller Welt. Die Kunden stammen vor allem aus Kuwait. Lediglich 10 % der geschliffenen Diamanten werden an den europäischen Markt geliefert.

Geht ein Diamant in der Schleiferei verloren

So weit ich den Unterlagen des Unternehmens entnehmen konnte, besteht die Belegschaft in Auroville aus indischen Arbeitern und Arbeiterinnen. Insbesondere auf ein diszipliniertes Arbeitsverhältnis wird Augenmerk gelegt. Schließlich führt jeder kleine Fehler schnell einmal zu erheblichen finanziellen Einbußen. 135 Mitarbeiter produzieren am Tag 1000 geschliffene Diamanten. Gerade die Arbeiter im Edelsteinsektor werden oft streng überwacht, auch hier ist es nicht anders. Sich einfach einen Diamanten in die Tasche zu stecken ist nicht. Wenn der Diamant aus Versehen verloren geht, zum Beispiel wenn er bei der Politur weggeschleudert wird, muss so lange vom Mitarbeiter gesucht werden, bis er wieder gefunden ist. Der Mitarbeiter wird sozusagen unter Hausarrest gestellt.

CO2 Abdruck eines Diamanten

  • laut des Unternehmens benötigt die Herstellung eines Neuwagens 6-35 Tonnen CO2 und der Bau eines mittleren Hauses 80 Tonnen CO2. Das betrifft lediglich die Herstellung weitere CO2 Emissionen sind noch gar nicht miteinbezogen.
  • Ein bis mehrere Diamanten im Verkaufswert von 40 000 Euro  benötigen eine Tonne CO2 Von der Förderung in der Miene bis hin zur Politur.

Zurück zur Verfasserin der Briefe.

Was wurde aus der Freundin?

Der Traum vom Ashram in Auroville hielt nicht ewig. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, kehrte sie nach einigen Jahren zurück nach Deutschland. Wie so oft im Leben, trennten sich die Lebenswege der beiden. Wer weiß, vielleicht leuchtet ein Diamant eines Tages den Weg und bricht Licht ins Dunkel;)

 

 

 

Shine bright like a diamond

 

 

 

 

 

weitere Infos:

  • Bericht eines Reporters über Auroville: https://www.merian.de/asien/indien/artikel/himmel-hinter-stacheldraht-in-auroville
  • Dokumentation: https://www.spiegel.tv/videos/1296416-utopie-stadt-auroville

Quellen:

  • https://www.brandeins.de/magazine/brand-eins-wirtschaftsmagazin/2001/aufbruch/alltag-im-paradies
  • http://www.michaelbonke.com/uploads/diamond-factory-en.pdf
  • http://varuna.org.in/ecology/carbon-footprint-of-a-diamond

 

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